Schmerzkompass
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Geschichte der Schmerztherapie: von der Weidenrinde zur modernen Medizin

Von den ersten Pflanzenmitteln der Antike über Morphin und die Äther-Narkose bis zu Bonica, der Gate-Control-Theorie und dem WHO-Stufenschema – ein Überblick, wie aus einzelnen Mitteln ein eigenes medizinisches Fachgebiet wurde.

SK
Schmerzkompass · Redaktion
Aktualisiert am 28. Mai 2026 · 7 Min. Lesezeit
Historische Apothekengefäße und getrocknete Weidenrinde als Symbol für die Geschichte der Schmerztherapie
Von Pflanzenmitteln zur modernen Schmerzmedizin · Symbolfoto

Schmerz begleitet den Menschen, seit es Menschen gibt – und mit ihm der Wunsch, ihn zu lindern. Die Geschichte der Schmerztherapie ist deshalb eine der ältesten der Medizin. Sie reicht von pflanzlichen Mitteln der Antike über die Entdeckung des Morphins und die erste Narkose bis zur modernen, fachübergreifenden Schmerzmedizin. Dieser Beitrag zeichnet die wichtigsten Stationen nach und ordnet ein, warum aus einzelnen Rezepten schließlich ein eigenes medizinisches Fachgebiet wurde.

Frühe Mittel: Weidenrinde und Mohn

Lange bevor es eine Wissenschaft vom Schmerz gab, kannten die Menschen wirksame Pflanzen. Zwei davon prägen die Geschichte bis heute. Die Weidenrinde wurde schon in der Antike – unter anderem im ägyptischen Papyrus Ebers und bei griechischen Ärzten wie Hippokrates – gegen Schmerzen und Fieber empfohlen. Ihr Wirkstoff, das Salicin, ist der natürliche Vorläufer der späteren Acetylsalicylsäure, die als Aspirin Weltkarriere machte.

Ebenso alt ist der Gebrauch des Schlafmohns. Aus seinem Milchsaft gewannen frühe Kulturen Opium, das über Jahrtausende als stärkstes bekanntes Schmerz- und Beruhigungsmittel galt. Wie viele dieser Mittel wirkte es kraftvoll, aber unberechenbar – eine verlässliche Dosierung war noch nicht möglich. Diese Unschärfe blieb ein Grundproblem, bis die Chemie des 19. Jahrhunderts eingriff.

Woher kommt das Wort „Analgesie"?

Der Fachbegriff für Schmerzfreiheit stammt aus dem Griechischen: an- (ohne) und álgos (Schmerz). Wie stark Schmerz das Denken der frühen Medizin prägte, zeigt sich schon an dieser Wortwahl.

Morphin und der Sprung in die Chemie

Der eigentliche Wendepunkt kam mit der Fähigkeit, den Wirkstoff aus der Pflanze zu isolieren. 1804 gelang dem jungen Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner in Paderborn, aus Opium eine reine Substanz zu gewinnen. Er nannte sie Morphium – nach Morpheus, dem griechischen Gott des Schlafs und der Träume. Es war das erste rein dargestellte Pflanzenalkaloid überhaupt und legte den Grundstein der modernen Arzneimittelchemie.

Von nun an ließ sich ein Schmerzmittel dosieren, prüfen und gezielt einsetzen. Gut hundert Jahre später schloss sich der Kreis zur Weide: 1897 stellte der Chemiker Felix Hoffmann bei Bayer stabile Acetylsalicylsäure her, die 1899 als Aspirin auf den Markt kam. Damit standen erstmals zwei planbare Wege gegen Schmerz zur Verfügung – ein starkes Opioid und ein gut verträglicheres Mittel für den Alltag.

So machtvoll diese Fortschritte waren, so deutlich zeigten sich auch die Schattenseiten: Morphin und seine Verwandten können abhängig machen. Der verantwortungsvolle Umgang mit starken Schmerzmitteln ist deshalb bis heute ein zentrales Thema – mehr dazu im Beitrag über verbreitete Mythen über Schmerzen.

1846: Die Äther-Narkose verändert die Chirurgie

Während sich die Behandlung von Krankheitsschmerz langsam entwickelte, blieb die Chirurgie lange ein Ort des blanken Schreckens: Operationen fanden bei vollem Bewusstsein statt. Das änderte sich am 16. Oktober 1846 in Boston. Der Zahnarzt William T. G. Morton führte öffentlich eine Operation unter Äther-Narkose vor – der Patient spürte nichts. Die Nachricht ging in wenigen Wochen um die Welt.

Mit der Narkose wurde erstmals der operative Schmerz beherrschbar. Kurz darauf kamen weitere Verfahren hinzu, etwa die örtliche Betäubung, die der Augenarzt Carl Koller 1884 einführte. Aus diesen Entwicklungen entstand das Fachgebiet der Anästhesiologie – jene Disziplin, aus der später auch die moderne Schmerzmedizin hervorgehen sollte.

1804
Sertürner isoliert Morphin aus Opium
1846
erste öffentliche Äther-Narkose in Boston
1965
Gate-Control-Theorie von Melzack & Wall

Bonica und die Geburt der Schmerzmedizin

Bis weit ins 20. Jahrhundert galt Schmerz vor allem als Begleiterscheinung einer Krankheit – behandelt wurde die Ursache, nicht der Schmerz selbst. Dass anhaltender Schmerz ein eigenständiges Problem sein kann, das eine eigene Behandlung verdient, ist eine vergleichsweise junge Einsicht. Verbunden ist sie mit dem Namen John J. Bonica (1917–1994).

Der US-amerikanische Anästhesist erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg, wie wenig die Medizin verletzten Heimkehrern mit chronischen Schmerzen anbieten konnte. Seine Antwort war neu: Er brachte Fachleute unterschiedlicher Disziplinen an einen Tisch – Anästhesie, Chirurgie, Neurologie, Psychologie und Physiotherapie – und behandelte den Menschen gemeinsam statt in Einzelteilen. Damit gilt Bonica als Begründer der modernen, multidisziplinären Schmerzmedizin.

Sein Einfluss reichte weit über die eigene Klinik hinaus. 1973 rief er ein internationales Schmerzsymposium zusammen, aus dem die International Association for the Study of Pain (IASP) hervorging – die bis heute maßgebliche Fachgesellschaft. Sie prägte auch die heute gebräuchliche Definition, nach der Schmerz ein sinnliches und zugleich gefühlsmäßiges Erleben ist, das sich nicht auf einen Gewebeschaden reduzieren lässt.

1965: Die Gate-Control-Theorie

Fast zeitgleich veränderte eine Theorie das wissenschaftliche Verständnis von Schmerz grundlegend. 1965 veröffentlichten Ronald Melzack und Patrick Wall die Gate-Control-Theorie. Vereinfacht besagt sie: Im Rückenmark gibt es eine Art Tor, das Schmerzsignale auf ihrem Weg zum Gehirn verstärken oder dämpfen kann. Ob und wie stark Schmerz ankommt, hängt also nicht allein vom Reiz ab.

Das war revolutionär, weil es erklärte, warum Aufmerksamkeit, Stimmung und Gedanken das Schmerzerleben beeinflussen – warum dieselbe Verletzung einmal kaum, ein andermal stark schmerzt. Aus dieser Erkenntnis wuchs später das biopsychosoziale Modell, das körperliche, seelische und soziale Faktoren zusammendenkt. Warum Schmerz gerade dann chronisch werden kann, wenn diese Faktoren zusammenwirken, vertieft der Beitrag chronische Schmerzen verstehen.

Historie ist kein Behandlungsplan

Dieser Beitrag ordnet die Entwicklung der Schmerztherapie geschichtlich ein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei neuen, sehr starken oder alarmierenden Schmerzen – etwa Brustschmerz, Schmerz nach einem Unfall oder in Verbindung mit Lähmung, Fieber oder Gefühlsstörungen – zögern Sie nicht und wählen Sie im Notfall die 112.

WHO-Stufenschema und multimodale Therapie

Mit den neuen Erkenntnissen entstand das Bedürfnis nach klaren, allgemein anwendbaren Regeln. 1986 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihr bekanntes Stufenschema, zunächst für Tumorschmerzen. Es ordnet Schmerzmittel drei Stufen zu und wurde weltweit zum Orientierungsrahmen. Die konkrete Auswahl, Kombination und Dosierung bleibt dabei stets eine ärztliche Aufgabe, weil jedes dieser Mittel auch Risiken trägt.

Jahr / ZeitMeilenstein
AntikeWeidenrinde und Opium als frühe Schmerzmittel
1804Sertürner isoliert Morphin – Beginn der Arzneimittelchemie
1846Erste öffentliche Äther-Narkose (Morton, Boston)
1897/1899Acetylsalicylsäure („Aspirin") wird herstellbar und marktreif
ab 1940er/50erBonica begründet die multidisziplinäre Schmerzmedizin
1965Gate-Control-Theorie (Melzack & Wall)
1973Gründung der internationalen Schmerzgesellschaft IASP
1986WHO-Stufenschema zur Schmerzbehandlung

Aus Bonicas Grundgedanke der Teambehandlung wurde schließlich die heutige multimodale Schmerztherapie: ein abgestimmtes Zusammenspiel von Medizin, Physiotherapie, Psychotherapie und Bewegung, vor allem bei chronischen Verläufen. Parallel etablierte sich die Spezielle Schmerztherapie als ärztliche Zusatzweiterbildung, und in Leitlinien – etwa der AWMF und der Deutschen Schmerzgesellschaft – wurde das Wissen strukturiert. Die Geschichte der Schmerztherapie ist damit nicht abgeschlossen: Sie ist vom einzelnen Mittel zu einem ganzen Fachgebiet gewachsen, das den Menschen und nicht nur den Reiz in den Blick nimmt.

Häufige Fragen

Was war das erste Schmerzmittel?

Schon in der Antike nutzten Menschen Pflanzen gegen Schmerzen – vor allem Weidenrinde und Mohn. Weidenrinde enthält Salicin, den natürlichen Vorläufer der späteren Acetylsalicylsäure (Aspirin). Aus dem Schlafmohn wurde Opium gewonnen; 1804 isolierte der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner daraus das Morphin, das erste rein dargestellte Alkaloid.

Wann begann die moderne Schmerztherapie?

Ein entscheidender Wendepunkt war 1846 die erste öffentliche Äther-Narkose in Boston, die schmerzfreie Operationen ermöglichte. Die moderne, fachübergreifende Schmerzmedizin gilt jedoch als jünger: Der Anästhesist John J. Bonica prägte sie ab den 1940er/1950er-Jahren und trieb 1973 die Gründung der internationalen Schmerzgesellschaft IASP voran.

Wer gilt als Begründer der modernen Schmerzmedizin?

Als Begründer der modernen, multidisziplinären Schmerzmedizin gilt der US-amerikanische Anästhesist John J. Bonica (1917–1994). Er richtete eine der ersten interdisziplinären Behandlungseinrichtungen für chronische Schmerzen ein und initiierte 1973 die Gründung der International Association for the Study of Pain (IASP).

Was ist die Gate-Control-Theorie?

Die Gate-Control-Theorie wurde 1965 von Ronald Melzack und Patrick Wall veröffentlicht. Sie beschreibt, dass Schmerzsignale im Rückenmark wie an einem Tor gehemmt oder verstärkt werden können und dass Aufmerksamkeit, Gefühle und Gedanken das Schmerzerleben mitbestimmen. Sie gilt als Meilenstein, weil sie den Blick vom reinen Nervenreiz hin zur zentralen Verarbeitung erweiterte.

Was ist das WHO-Stufenschema?

Das WHO-Stufenschema ist eine 1986 von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte Empfehlung zum Einsatz von Schmerzmitteln, ursprünglich für Tumorschmerzen. Es unterscheidet drei Stufen: Nicht-Opioide, schwache Opioide und starke Opioide, ergänzt um sogenannte Koanalgetika. Die Auswahl und Dosierung von Schmerzmitteln gehört stets in ärztliche Hand.

Was bedeutet multimodale Schmerztherapie?

Multimodale Schmerztherapie bezeichnet die zeitlich abgestimmte, interdisziplinäre Behandlung – meist bei chronischen Schmerzen. Ärztinnen und Ärzte, Physiotherapie, Psychotherapie und Bewegungstherapie arbeiten dabei nach einem gemeinsamen Plan zusammen. Dieser Ansatz geht auf Bonicas Idee der Teambehandlung zurück und ist heute Standard bei komplexen Schmerzverläufen.

Quellen & Literatur

  1. Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. Geschichte der Schmerzmedizin. Abgerufen 2026.
  2. International Association for the Study of Pain (IASP). History and definition of pain. Abgerufen 2026.
  3. Weltgesundheitsorganisation (WHO). WHO guidelines on cancer pain relief (Stufenschema, 1986). Abgerufen 2026.
  4. Melzack R, Wall PD. Pain mechanisms: a new theory. Science. 1965;150(3699):971–979.